Setzt den Davidstern wieder auf die Görlitzer Synagoge!

Foto: Noch mit Stern - Weihe der Görlitzer Synagoge 1911, © Ratsarchiv Görlitz

Foto: Noch mit Stern – Weihe der Görlitzer Synagoge 1911, © Ratsarchiv Görlitz

Am Morgen nach der Pogromnacht 1938 war der Brand in der Görlitzer Synagoge erloschen, die Ausstattung im Innern zu einem Teil vernichtet. Aber der goldglänzende Davidstern prangte noch immer über der Kuppel. Da kletterten einige Männer hinauf und hackten ihn ab. Der Stern fiel auf die Straße und wurde unter Johlen zertrümmert. Die „Görlitzer Nachrichten“ freuten sich, „dass nun endlich der Davidstern verschwunden ist, der bisher als Fremdling das Stadtbild unserer aufragenden Türme störte.“

Im Dezember 2020 wird die Synagoge als Kulturforum wiedereröffnet, nach langjähriger und aufwendiger Restaurierung. Viel Mühe wurde darauf verwandt, die Ausstattung – nur wenig beschädigt durch den Brand 1938 und zerstört durch Vernachlässigung nach 1945 –wiederherzustellen. Die Ausmalung wurde nach dem Vorbild von erhaltenen Farbresten vollständig erneuert. Die Platten für die Kalkstein- und Marmorverkleidung stammen aus denselben Steinbrüchen wie beim Bau der Synagoge. Die prachtvollen Jugendstilleuchter, von denen keiner erhalten war, werden Stück für Stück in Einzelanfertigung nach fotografischen Vorlagen rekonstruiert.

Und doch fehlt einiges: vor allem natürlich die Menschen, für die das Gotteshaus einmal errichtet wurde, aber auch die hervorstechenden Zeichen der jüdischen Religion, die das Gebäude dereinst schmückten. Es fehlen die Anfangsworte des Schma Jisrael, des wichtigsten Glaubensbekenntnisses des Judentums, die in hebräischen Lettern gekrönt von einem Davidstern raumbeherrschend an der Ostwand oberhalb des Thoraschreins zu sehen waren. Und es fehlt der große Davidstern über der Kuppel. der – wie auf allen alten Fotos zu sehen – früher weithin sichtbar und für jedermann verständlich aufzeigte, um was für ein Gebäude es sich handelte.

Wir plädieren dafür, den Davidstern wieder auf die Kuppel zu setzen. Er würde daran erinnern, welche Bedeutung Juden einmal für Görlitz hatten, und zum Ausdruck bringen, dass jüdisches Leben in der Stadt willkommen ist und zu ihr gehört. Der Davidstern sollte im „Stadtbild unserer aufragenden Türme“ wieder seinen Platz haben.

Schon bei der Grundsteinlegung der Görlitzer Synagoge 1909 wurde zum Ausdruck gebracht, dass ihr Bau „neben den anderen Gotteshäusern unserer Stadt auch Zeugnis geben [möge] für den Frieden und die Eintracht, in der wir mit den Bekennern der anderen Konfessionen leben, vereint mit ihnen überall, wo es gilt, Gutes zu schaffen, Not zu lindern, Kunst und Wissenschaft zu fördern, den Ruhm des Vaterlandes zu erhöhen, für das Heil unserer geliebten Vaterstadt zu wirken.“ Daran zu erinnern und neu anzuknüpfen in der heutigen pluralistischen Welt kann der Sinn eines weithin sichtbaren Zeichens wie des Davidsterns sein.

Das Berliner Schloss – Humboldtforum wird auf der Kuppel wieder von einem 4 m hohen Goldkreuz gekrönt werden, obwohl sich darunter keine Kirche mehr befinden wird (wie das bis 1945 der Fall war). Kulturstaatsministerin Monika Grütters bezeichnete dieses Kreuz daher als Gesprächsimpuls: „Dieses Kreuz ist allemal eine Einladung zum Dialog über Nächstenliebe, Toleranz, Weltoffenheit und über die Rolle von Religionen in unserer heutigen globalen Gesellschaft. Ich bin froh, dass andere Religionen uns in unserer Haltung auch ausdrücklich unterstützen.“ Das gleiche gilt mindestens ebenso für einen neuen Davidstern auf der Görlitzer Synagoge.

Dr. Markus Bauer

Dr. Marius Winzeler

Keine Führungen in der Synagoge bis Ende 2020

Aufgrund der vermehrten Nachfragen nach Führungen möchten wir mitteilen, dass es wegen aktueller Bautätigkeit noch nicht möglich ist, in diesem Jahr durch das Gebäude zu führen.
Unsere Partner halten die Eröffnung noch im Dezember 2020 für möglich, so dass unser Verein frühestens Anfang des nächsten Jahres Führungen anbieten kann.
Wir hoffen auf Ihr Verständnis. Sobald es einen konkreten Termin für die Eröffnung der Synagoge gibt, werden wir diese Informationen auf unserer Homepage sowie auf unserer Facebook-Seite (www.facebook.com/synagogegoerlitz) veröffentlichen.

Arbeitsstand für INTERREG-Projekt im Juli 2020

Innerhalb des INTERREG-Projekts „Lernen und Verstehen – Zukunft durch Erinnerung“, an dem der Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V. beteiligt ist, wurde im 2. Quartal 2020 sehr intensiv an den Textfassungen für den Multimediaguide und die zwei geplanten Filme gearbeitet. Dieser kreative Prozess bekam im Berichtszeitraum eine entscheidende Dynamik, weil es darum ging, die inhaltlichen Vorschläge des Vereins mit den Überlegungen, Hinweisen und zusätzlichen Anregungen von musealis zu verbinden. Die Firma aus Weimar hatte im März den Auftrag von der Stadt Görlitz erhalten, die drei Produktionen für die Synagoge herzustellen.

Durch Corona sechs Wochen später als ursprünglich geplant, kamen musealis-Projektleiterin Dorothea Warneck und ihr Kollege Johannes Romeyke am 28. April 2020 zum Auftaktbesuch nach Görlitz. Sie schauten sich potentielle Drehorte für die Filme an und sprachen mit möglichen Interviewpartnern. Zu Stationen gehörten dabei der jüdische Friedhof, die Villa Ephraim, die Synagoge, das Ratsarchiv, die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften und das frühere Gelände des Waggonbaus.

Mai und Juni waren geprägt durch eine sehr detaillierte Diskussion über den Aufbau der Filme zur jüdischen Geschichte von Görlitz sowie zu früheren jüdischen Einwohner der Stadt sowie über die Struktur des Multimediaguides. Dabei ging es vor allem um Fragen, wie der Rundgang durch die Synagoge verlaufen soll und an welchen markanten Punkten die umfangreichen Informationen zu Architektur, Geschichte, Gemeinde sowie religiösen Ritualen und Symbolen festgemacht werden sollen.

Parallel dazu lief die Klärung von Nutzungsrechten für Fotos und Filmsequenzen sowie die weitere Recherche und Organisation von Bildmaterial. Dazu zählten unter anderem Aufnahmen und Dokumente, die das Leben von Mira Lobe, Günter Friedländer, Martin Ephraim und Artur Schlesinger illustrieren. Diese Persönlichkeiten werden im Film über frühere Einwohner von Görlitz vorgestellt. Teilweise war es dabei nötig, Kontakt zu Nachfahren im Ausland aufzunehmen.

Arbeitsstand für INTERREG-Projekt im April 2020

Innerhalb des INTERREG-Projekts „Lernen und Verstehen – Zukunft durch Erinnerung“, an dem der Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V. beteiligt ist, lag ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit im 1. Quartal 2020 in der Präzisierung der Konzepte für den Audioguide und die zwei geplanten Filme. Die Diskussion der Ideen und die intensive Abstimmung dazu verstärkte sich umso mehr, nachdem Anfang März mit der musealis GmbH aus Weimar die Produktionsfirma feststand. Sie war über eine öffentliche Ausschreibung der Stadt Görlitz gefunden worden.

Außerdem wurden weitere Vorgespräche und Telefonate mit potentiellen Interviewpartnern geführt, die sich in einem der beiden Filme zu bestimmten thematischen Aspekten äußern können. Dazu gehören der Görlitzer Ratsarchivar Siegfried Hoche, die früheren Pfarrer Werner Liedtke (Oranienburg), Matthias Werner (Arnsdorf) und Dr. Hans-Wilhelm Pietz (Görlitz), der Publizist Michael Guggenheimer (Zürich) sowie der Sozialarbeiter Ernst Opitz (Weißwasser), der zu DDR-Zeiten in der Aktion Sühnezeichen aktiv war.

Fortgesetzt wurde die Recherche nach geeigneten Fotos, unter anderem durch Nachfragen bei Nachfahren von Mira Lobe oder durch Sichtung des Bestandes in der Bildsammlung des Landesamtes für Denkmalpflege in Dresden. Als erstaunlich reiche Quelle erwies sich auch der Fundus des Fotografen Matthias Lüttig in Dresden, der Anfang der 1990-er Jahre den Beginn der Sicherung und Wiederherstellung der Synagoge sehr umfangreich dokumentiert hatte. Er stellte eine große Anzahl von Motiven für die Bildauswahl zur Verfügung, die für die Präsentation auf dem Audioguide und in den Filmen digitalisiert werden könnten.